Die permanente Kunstinstallation im öffentlichen Raum, Harmas KGV, entstand im Rahmen des vom Kunsthaus Dresden initiierten Langzeitprojektes Neue Nachbarn als Teil der Bewerbung Dresdens um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 und wurde am 10. Oktober 2020 eröffnet.
Ort: Parzelle 3, Kleingärtnerverein Flora I e.V., Bergmannstraße 39, 01309 Dresden-Striesen
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Harmas KGV ist eine Modellpflanzung mit zwanzig stark bedrohten heimischen Wildkräutern.
Auf der Fläche der Parzelle 3, einer Außenstelle des Kunsthauses Dresden, wurde eine Steinschüttung mit lokalem Pläner Kalksandstein vorgenommen, die zum Zentrum hin ansteigt. In der Mitte der Anlage befindet sich eine Veranstaltungsfläche mit einem Pavillon, der von Constructlab entworfen wurde. In der Flora 1 angefallene Betonreste wurden zur Errichtung einer Trockenmauer verwendet.
Kollaborationspartner: Botanischer Garten der TU Dresden (Außenstelle Boselgarten), Umweltamt der Landeshauptstadt Dresden, Kleingärtnerverein Flora I e.V., ARTENREICH Naturnahe Gartengestaltung Sabine Kroehs, Mittwochsmaler (Malgruppe der Kleingartenanlage "Leubnitzer Höhe"), Garten- und Landschaftsbau GalaBau, Umweltzentrum Dresden e.V., Dresdner Gartenfreunde e.V., Constructlab.

Harmas
Jean-Henri Fabre, der berühmte französische Insektenforscher des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ein Wegbereiter der Verhaltensforschung, der u.a. mit Charles Darwin korrespondierte, schreibt in seinem Lebenswerk „Souvenirs Entomologiques“ (Erinnerungen eines Insektenforschers), das er zwischen 1879 und 1907 veröffentlichte: „Ich möchte von dem Stück Land sprechen, das nach meinem lang gehegten Plan ein Labor für lebendige Insektenforschung werden soll, von dem Stück Land, das ich in der Einsamkeit eines kleinen Dorfes nun endlich bekommen habe. Es ist ein „Harmas“. So nennt man hier steinige, von Thymian überwucherte Brachen.“ Mit dem Harmas verwirklichte Fabre 1879 seinen Traum, ein Insektenparadies zu schaffen, in dem er ungestört und ohne lange Wege das Verhalten der Insekten beobachten konnte. Heute ist Fabres Harmas als Teil des französischen Nationalen Naturhistorischen Museums der Öffentlichkeit zugänglich.
Fabres außergewöhnliche Haltung gegenüber auch den kleinsten seiner tierischen und pflanzlichen Mitlebewesen wird in einem Absatz seiner Schriften deutlich, der an seine Kolleg*innen der Labor-Wissenschaft gerichtet ist: „Und dann, meine geliebten Insekten: Wenn ihr diese guten Leute nicht zu überzeugen vermögt, weil ihr nicht die Wucht der Langeweile habt, dann sag ich es ihnen: Ihr schlitzt das Tier auf, ich studiere es lebend; ihr macht aus ihm ein Objekt des Abscheus und des Mitleids, ich mache es liebenswert; ihr arbeitet in einer Werkstatt, wo gefoltert und zerstückelt wird, ich beobachte unter blauem Himmel beim Gesang der Zikaden; ihr behandelt Zelle und Protoplasma mit Chemikalien, ich studiere den Instinkt in seinen erhabensten Formen; ihr erforscht den Tod, ich erforsche das Leben.“ Zu Fabres Zeiten fand sich noch viel intakte Natur auf dem Land – die Städte hingegen boten vergleichsweise wenig Entwicklungsmöglichkeit für Pflanzen und Tiere.
Heute hat sich dieses Verhältnis fast umgekehrt: Durch Flurbereinigungen, verbreitete Monokultur und Pestizideinsatz wird der Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen auf dem Land immer kleiner und grüne Städte sind Rückzugsräume geworden. Daran hat auch die Kleingartenkultur einen erheblichen Anteil. Ökologisch gesehen sind Kleingärten, ähnlich wie botanische Gärten, verbliebene Schutzräume der Artenvielfalt.
Das Projekt Harmas KGV in Parzelle 3 des KGV Flora I e.V. möchte durch die Anlage und gemeinsame Betreuung eines Trockenbiotops mit heimischer Flora dieses Potential von Kleingartenanlagen nutzen und fördern, sowie gemeinsam dem Verlust von Artenkenntnis entgegenwirken. Es eröffnet einen Ort, an dem wir in Fabres Sinne „mit liebevoller Begeisterung und Wissensdrang“ unsere „tierischen und pflanzlichen Mitlebewesen“ beobachten können.

Substrat
Pläner, ein Kalksandsteinsediment aus der Kreidezeit, ist im Stadtgebiet Dresdens in tieferen geologischen Schichten zu finden. Der Boden, auf dem sich die Kleingartenanlage Flora I e.V. befindet, dürfte ungefähr folgendermaßen aufgebaut sein: Auf eine Schicht von zwei bis drei Metern sandigen Lehms folgt eine Schicht von vier bis fünf Metern Elbkies. Unmittelbar darunter befindet sich das Grundwasser. Ab einer Tiefe von 18 Meter sind die Relikte eines Kreidemeeres zu finden, das vor 90 bis 100 Millionen Jahren ganz Europa bedeckte. Die Plänerschicht kann im Dresdner Stadtgebiet eine Stärke von bis zu 18 Metern haben. Bei der Vorbereitung der Schüttung im Harmas KGV wurde ein versteinertes Fossil gefunden, das zeigt, dass die Kalkanteile des Gesteins durch die Ablagerung von Skeletten von Lebewesen aus der Kreidezeit gebildet wurden. Ehemalige Steinbrüche am Südrand von Dresden zeugen davon, dass der Pläner als Baustoff gewonnen wurde. Der für den Bau der Anlage verwendete Pläner fiel 2018 an, als Teile der Stallungen des Erlweinschen Amtsschlachthofs (gebaut 1908) abgerissen wurden. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Leistungszentrum von Dynamo Dresden. Harald Wolf, Mitarbeiter der Dresdner Umweltbehörde, sicherte das Material, um es für ökologische Aufwertungsmaßnahmen wie zum Beispiel den Bau von Eidechsenhabitaten zu verwenden. Der Pläner wurde mit einem Lehm-Sandgemisch angereichert, um den an extreme Wärme, Trockenheit und Nährstoffarmut angepassten Pflanzen ideale Lebensbedingungen zu bieten. Der PH-Wert des Substrats liegt zwischen 6 und 7,5. 2 Städtischer Lagerplatz mit Plänergestein 3 Eidechsenhabitat, aus Plänergestein, Umweltamt Dresden 4

Mikroklima
Der Trockengarten wurde so entworfen, dass hier auf eng begrenztem Raum unterschiedliche Witterungsverhältnisse herrschen. Je nach Neigung und Himmelsrichtung entstehen in Hanglagen unterschiedliche Kleinklimata. In Nord-Süd-Richtung ausgerichtet, bietet die Anlage schwach geneigte Hanglagen in alle vier Himmelsrichtungen. Zwischen der Nordseite, die am wenigsten von der Sonneneinstrahlung getroffen wird, und der Südseite, die am meisten Sonne erhält, entstehen erhebliche Temperaturunterschiede.
Verstärkt wird dieser Effekt durch den zentral aufragenden Ausstellungspavillon und die im Osten gelegenen Gebäude, die die Flächen mit der geringeren Sonnenexposition zusätzlich verschatten.
Die Gebäude bieten aber auch einen Schutz vor Wind, Austrocknung und Kälte. Bei der Erstbepflanzung wurden die Pflanzen gleichmäßig auf den vier Flächen verteilt, so dass der Zusammenhang zwischen dem Mikroklima und dem Wachstum der 19 seltenen Wildpflanzen beobachtet werden kann. 5 Die Bosel bei Meissen, Broschüre Landesverein Sächsischer Heimatschutz e.V. 6 Morgens 7 Mittags 8 Abends

Pflanzen
Die natürlichen Voraussetzungen für wärmeliebende Pflanzengesellschaften waren in Sachsen schon vor der Intensivierung der Landnutzung in den letzten einhundert Jahren nur relativ kleinräumig gegeben. Zu dieser Seltenheit kam verschärfend die Bedrohung der Lebensräume hinzu. Die für Harmas KGV ausgewählten Arten sind alle in der Roten Liste für Sachsen aufgeführt und einer Gefährdungskategorie zugeordnet oder in der Vorwarnliste für gefährdete Pflanzen aufgeführt. Die Samen der Wildpflanzen wurden im Boselgarten, einer Zweigstelle des Botanischen Gartens Dresden in Coswig bei Meißen geerntet und in Zusammenarbeit mit der Leiterin des Boselgartens Helga Petzold zusammengestellt.
9 Der Garten auf der Bosel, Herkunftsort der Samen

Artenliste:
- Ovalblättriges Sonnenröschen (Helianthemum nummulariun), Rote Liste Sachsen, Kategorie 2
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Siebenbürgisches Perlgras (Melica transsilvanica), Rote Liste Sachsen, Kategorie 1

- Walliser Schaf-Schwingel (Festuca valesiaca), Rote Liste Sachsen, Kategorie1
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Mittleres Zittergras (Briza media), Vorwarnliste
- Astlose Graslilie (Anthericum liliago), Rote Liste Sachsen, Kategorie 3
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Gewöhnlicher Feld-Beifuß (Artemisia campestris), Rote Liste Sachsen, Kategorie 3
- Feld-Mannstreu (Eryngium campestre), Rote Liste Sachsen, Kategorie 2
- Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria), Rote Liste Sachsen, Kategorie 1

- Gelbe Skabiose (Scabiosa ochroleuca), Rote Liste Sachsen, Kategorie 3

- Berg-Lauch (Allium lusitanicum), Rote Liste Sachsen, Kategorie 1
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 Wiesen-Salbei (Salvia pratensis), Rote Liste Sachsen, Kategorie 3

- Karthäuser-Nelke (Dianthus carthusianorum), Rote Liste Sachsen, Kategorie 3
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Rauhaariger Alant (Inula hirta), Rote Liste Sachsen, Kategorie 1
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 Kleines Mädesüß (Filipendula vulgaris), Rote Liste Sachsen, Kategorie 2
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Gewöhnlicher Dost (Origanum vulgare), Vorwarnliste

- Feld-Steinquendel (Acinos arvensis), Rote Liste Sachsen, Kategorie 2
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 Felsenfingerkraut (Drymocallis rupestris), Rote Liste Sachsen, Kategorie 1
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Sand-Fingerkraut (Potentilla cinerea), Rote Liste Sachsen, Kategorie 1 (Anzucht und Pflanzung geplant 2021/22)

- Großblütige Braunelle (Prunella grandiflora), in Sachsen ausgestorben

- Gewöhnlicher Thymian (Thymus Serpyllum), Rote Liste Sachsen, Kategorie 3

Die Artenliste wurde nicht in Hinblick auf eine der klassifizierten Pflanzengesellschaften wie z.B. Kalk-Magerrasen zusammengestellt, denn viele der Arten können sowohl in Trocken- als auch in Halbtrockenrasen vorkommen. Die dargestellte Pflanzengesellschaft ist folglich konstruiert und kann als wärmeliebende Pflanzengesellschaft auf basischem Untergrund charakterisiert werden. Die Arten sind licht- und wärmebedürftig. Nach dem Einwachsen werden die Pflanzen, die durch Anpassung (aus Konkurrenzgründen) sehr trockenheitsertragend sind, nicht mehr gegossen.
In der Versuchsanlage werden sich selbst ansiedelnde Arten gejätet. So wird der Sukzessionsdruck vermindert und die drohende Verbuschung verhindert, beides im Freiland Ursachen des Verschwindens der im Harmas KGV kultivierten Pflanzen.
Ein weiterer Gesichtspunkt bei der Zusammenstellung der Artenliste war die zukünftige Betreuung der Pflanzen durch Laien, was eine gewisse Zuverlässigkeit der ausgewählten Pflanzen voraussetzt. Auch ein langer Blühverlauf war wichtig, sodass von Frühjahr bis Herbst Blüten im Trockengarten zu finden sein werden. Es wurde darauf geachtet, niedrige und polsterbildende mit höherwüchsigen Pflanzenabzuwechseln. Einige Arten bilden sehr tiefe Wurzeln, andere nicht.
10 Aussaatschalen mit Keimlingen des Harmas KGV in der Projektgärtnerei des Umweltzentrum Dresden e.V. 11 Anzucht Perlgras in der Parzelle von Sylvey und Jürgen Lommatsch, Kleingartenverein Leubnitzer Höhe e.V. 12 Anzucht für Harmas KGV, Balkon von Frank Hoffmann, 1. Vorsitzender Flora 1 e.V.
13 Helga Petzold, Leiterin des Boselgartens der TU Dresden und für die technische Umsetzung der Anlage verantwortliche Ingenieurin für Garten- und Landschaftsbau Sabine Kroehs stellen die Jungpflanzen aus

Die Anordnung in kleinen Gruppen von zwei bis fünf Pflanzen pro Art wurde in einem Pflanzplan festgehalten. Kriterien für die Anordnung der Pflanzen waren die gleichmäßige Verteilung der Arten auf den vier unterschiedlich geneigten Pflanzflächen, wie auch die Berücksichtigung der unterschiedlichen Wuchshöhen der Arten und ihrer Verträglichkeit untereinander. Die mit dem Pflanzplan vorgenommene Dokumentation der Ausgangssituation erlaubt Vergleiche mit späteren Zuständen der Besiedelung der Flächen. 14 15 16 17 18

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20 21 Seit 2018 begleitet die Gruppe malender KleingärtnerInnen "Mittwochsmaler", mit Ihrer Leiterin Sylvey Lommatsch die Entstehung des Projekts Harmas KGV. Zur Eröffnungspräsentation im Ausstellungspavillon steuerten sie Portraits der 20 ausgewählten Arten bei. 22 Im ersten Jahr entwickeln sich die seltenen Wildkräuter des Harams KGV gut.

Abb. 1, 4, 6, 7, 8, 13, 14, Foto: Helge Mundt
Abb. 3, Foto: Harald Wolff
Abb. 9, Foto: Botanischer Garten der TU Dresden
Abb. 19, 20, Video: Katarina Schrul
Abb. 22, Foto: Florian Hüttner
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